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Musikalische Nomaden

Der Islamischen Revolution 1979 im Iran wird nochimmer eine sehr große Bedeutung zugeschrieben. Siezieht sich weiterhin in alle Lebensbereiche hinein. In Europa ist eskaum vorstellbar, dass Musik als “lebensgefährlich” im literarischen Sinn eingestuft werden kann. Im heutigen Iran sind die Perspektiven als (moderner oder individueller) Künstler oder Musiker trostlos: man spielt entweder das ganze Leben klassische, persische Musik, diein der Dichtung von großen Meistern aus dem 10-13 Jh. verfasst sind, oder man wird zu einem Qari, der den Koran rezitiert und der den vorbestimmten und hundertjährigen Regeln der Darbietung zu folgen hat. Jeder Musiker, der ein neues Lied geschrieben hat und es auch öffentlich aufführen will, muss zum Ministerium für Kultur kommen und jede Textzeile des Liedes nachprüfen lassen; es muss sichergestellt werden, dass es sich nicht umanti-islamische Propaganda handelt oder die Texte nicht mit dem Koran übereinstimmen.

Hier soll auf neun iranische Künstler eingegangen werden, für die ein Verbleiben im Heimatland zu einer Bedrohung wurde.Die es satt hatten,ihre Karriere versteckt, unterirdischin kleinen Keller zu beschränken, die keine vom Staat islamisierteoder zensierte Musik machen wollten.

Shahin Najafi

Er ist der Protagonist des Films “When Good sleeps”. Schon in der Kindheit musste er schwereSchicksalsschläge erleiden: als er 6 Jahre alt war, ist sein Vater gestorben, sein Bruder wurde drogenabhängig und starb auch später. Mit 18 begann er klassische und Flamencogitarre zu spielen und beschäftigte sich in der Folge auch mit Undergroundmusik. Wegen seiner rebellischen Haltungen wurde er von seinem Studium Soziologie ausgeschlossen und bald danach wanderte er nach Deutschland aus. Dort wurde er Mitglied mehrerer Bands. Mit der Musikgruppe “Tapesh 2012” und seinen sozial-politischen Liedern gelangte er zu größerer Bekanntheit, vor allem im Genre “Farsi-Hip Hop”. Nach Protesten gegen die iranischen Präsidentschaftswahlen in 2009 hat er sein Lied “Neda” Neda Agha-Soltan gewidmet, deren Tod ein Symbol der iranischen Opposition wurde. Im Jahr 2012 wurde er wegen seines berühmtesten Liedes “Naghi”, das eine breite Palette von sozialen und ökonomischen Mißständen im Iran anspricht und den muslimischen Propheten verlacht, zur Todesstrafe verurteilt. Als Reaktion hat er das Lied “Stehend sterben” geschrieben und öffentlich aufgeführt.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=hX4vBjFH2sI

Fereydoun Farrokhzad

Seine Stimme wurde zu einer der führendsten der politischen Opposition im Exil lebenden Iraner. Nach seinem Gymnasiumsabschluss im Iran ging er nach Österreich undDeutschland zur Fortsetzung seines Studiums und verteidigte seine Doktorarbeit “Der marxistische Einfluss auf die Kirche und Regierung in der DDR” in München. 1964 wurde seine erste Gedichtsammlung veröffentlicht, in der er seiner langjährigen Leidenschaft für Poesie und Musik nachgegangen ist. Später begann er mit einem Komödien- und Musikprogramm im Fernsehen, wo er orientalische und auch iranische Musik aufführte. 1967 kehrte er in den Iran zurück und wurde zu einem Star. Nach der Islamischen Revolution wurde er verhaftet. Nach seiner Entlassung ging er nach Deutschland ins Exil, wo er sich als “gebildeter Patriot” präsentierte. Seine Kritik brachte er im Radioprogramm “Voice of the Flag of Freedom” des Neuen Regimes zum Ausdruck, nahm aktiv an Demonstrationen in Europa und den USA teil und war Schauspieler im österreichischen Film “I love Vienna”, der von iranischen Behörden oft als anti-islamisch bezeichnet wurde. Am 8. August 1992 wurde er in seinem Haus in Bonn ermordet mit Stichen in Gesicht und Oberkörper aufgefunden.Zuvor erreichten ihnMorddrohungen wegen angeblichen Spotts über Khoimeni und seiner öffentlich eingestandenen Homosexualität. Bis heute gilt sein Mord als “ungelöst”.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=1Z5j6-3Oumk

Farhad Mehrad

Die Stimme der iranischen Einheit. Schon am Ende der 1960er Jahren wurde Mehrads Musiktalent vom iranischen Volk entdeckt undgeliebt. Im Laufe der politischen Konflikte in den 1970er Jahren schrieb Farhad Lieder mit revolutionären Inhalt, die zu Ehren der Islamischer Revolution und der Freiheit durch die Regierung verwendet wurden. “Vahdat” (“Unity”) hat er komponiert, um Erlaubnis vom Staat zu bekommen, weiter Musik machen zu dürfen. Sein Ruf und Einfluss auf Menschen wurden ausgenutzt und nach der Islamischer Revolution musste er 'vergessen' werden. Erst nach 15 Jahren bekam er die Erlaubnis, sein Album mit alten Liedern zu veröffentlichen und weitere Tonträger wurden im Ausland herausgebracht. Er starb an Hepatitis C in Paris am 31. August 2002.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=7z1Eul_wVgY

Kourosh Yaghmaei

Er gilt als Vater der iranischen Rockmusik. Als Kind hat er mit traditioneller Musik angefangen und später entdeckte er für sich die Musik des Westens. Ganz zu Beginn spielte er in der Band “Raptures”, die Cover - Versionen der “The Kinks”, “The Beatles” und der “The Monkees” aufführten. Anfang der 70er gründete er zusammen mit seinen Brüdern sein 'Solo'projekt, wo er iranische Melodien, Instrumental und Vokal, mit westlichen Harmonien vereinte. Sein einzigartiger iranische Stil der Psychodel- und Folkmusik führte zum Song Gol-e Yakh im Jahr 1974 undwurde zu einem riesigen Erfolg sowohl im Iran als auch im Ausland. Nach der Islamischen Revolution wurde ihm für dreißig Jahre lang verboten zu komponieren und das Einzige, das ihm die neue Regierung erlaubte, war Kinderbücher zu schreiben.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=aoCleoGuJHM

Mohsen Namjoo

Aufgrund seiner schlechten finanziellen Situation in den Studienjahren reichte ihm Geld nur zu einer Setar, einem gitarrenähnlichen mittelöstlichen Instrument und so wurde er wie “zufällig” zur einen Art Bob Dylan im Iran. Seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Regime begannen schon an der teheranischen Universität. Er experimentierte mit der klassisch-traditionellen Musik, aber seine Ideen und Art zu singen wurden nicht akzeptiert. Im dritten Jahr seines Studiums wurde er des Landes verwiesen. Für seine Lieder schreibt er selbst die Lyrik und benutzt aber auch moderne und klassische persische Dichtung. Nachdem er im 2009 zu fünf Jahren Haft wegen Verunglimpfung des Korans verurteilt wurde, wohnt er seit 2013 in den USA und ist Artist in Residence an der Universität Brown an der Fakultät Middle Eastern Studies.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=alhT4G2LxPI

Maryam Akhondy

Schon als Kind gewann die talentierte Maryam ihre ersten Gesangswettbewerbe und später nahm sie traditionell-klassischen Gesangsunterricht bei den wichtigstenund bekanntesten iranischen Meistern. Das Jahr 1979 und das neue Regime führten nicht nur zu schwerer Zensur in der Musik, sondern auch zum Verbot aller öffentlichen Auftritte von Sängerinnen. In ihrem Exil in Deutschland setzt sie mit anderen geflüchteten “KollegInnen” wieder ihre künstlerische Tätigkeit fort. Seitdem verwebt sie Gedichte der alten persischen Poeten mit der Musik eines klassischen iranischen Ensembles und tourt rund um die Welt. Akhondy leitet auch das “Ensemble Barbad”, das in der Lethe versunkenen Frauengesänge wieder zu neuem Leben erweckt. und im Projekt “Maryam Akhondy & Mike Herting” mischt gerne die Klänge aus Afrika, Indien, Jazz, Iran und deutschen Volkslieder.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=YTB_fs2jFNs

Kiosk

Die Geschichte der Gruppe „Kiosk“ ist ähnlichdem Schicksal vieler zeitgenössischen Musiker im Iran - ihre Karriere begann“unter der Erde”. Die strenge Regel und die Zensur entdeckten sie auch dort und nachdem sie keine Bewilligung für ihr neues Album bekommen hatten, waren sie 2006 gezwungen, in die USA zu fliehen. Die Blues-, Country- und persische Mischung zieht immer mehr Menschen “auf der Erde” an.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=dFRworsIhW4

Bahram Nouraei

Die amerikanische liberale Huffington Post hat ihn als einen der 50 wichtigsten Kulturschaffenden im Nahen Osten bezeichnet.Sein Debüt war die politische Single “Nameyee Be Rayees Jomhour” (Brief an den Präsidenten), 2007, die in Form eines offenen Brief geschrieben war. In dem Lied kritisiert Bahram die politischen Repressionen des sechsten iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad. Sein Aktivismus wurde nicht toleriert; er wurde 2009 verurteilt und ins Gefängnis Evin für politische Häftlinge eingewiesen. Seit seiner Entlassungwohnt er seit 2011 im Exil in Stockholm, wo er auch im Dokumentarfilm “Bahram: an Iranian Rapper” mitwirkte. Darin berichtet er über die Kultur nach der Islamischen Revolution und der musikalischen Untergrundszene im Iran. In seinen Liedern beschreibt er in Erzählform den Wandel im Bewusstsein, in der Moral und der Aufkündigungalter Glaubensinhalte und Überzeugungen.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=1d5bBoAJxPs

Hypernova

“Who Says You Can‘t Rock In Iran?” - lautet ihr Album, das 2007 illegal im Iran veröffentlicht wurde. Nach 7 Jahren der Auftritte in Kellern und an Kindergeburtstagspartys forderten sie ihr Glück heraus und erhielten eine Einladung zu einem Auftritt am“Southwest Festival in Austin” in Texas. Nach einer Visumsablehnung und anderen Hindernissen verpassen sie das Festival. Sie trafen dennoch die Entscheidung, nicht wieder in denIran zurückzukehren und wohnen seitdemin New York, produzieren 'indie rock' und wollen nichts mehr von Kinderpartys hören.

Lied: https://www.youtube.com/watch?v=JEvh0mSLzSs

Kati Mikhailova


Der Film ist am 7.12 um 18.30 in Brunnenpassage zu sehen.

Freier Eintritt!

https://www.thishumanworld.com/movie_detail.php?movieId=220

​Stationen der Flucht

this human world gibt heuer Einblicke in die Motivationen, Träume, Hoffnungen, Ängste und Erinnerungen von den Menschen, die sich tagtäglich auf die Flucht begeben oder deren Leben von Fluchterfahrungen geprägt sind. Die Stationen, die ein Mensch auf der Flucht durchlaufen kann, sind vielfältig:

Station 1: Politische Verfolgung und Krieg als Auslöser der Flucht

Den iranischen Sänger Shahin Najafi in When God Sleeps hat die gegen ihn ausgesprochene Fatwa dazu veranlasst, sein Heimatland zu verlassen. In Deutschland wurde ihm aufgrund von politischer Verfolgung Asyl gewährt. Da jedoch die Drohung gegen sein Leben laut Polizei „abstrakten“ Ursprungs sei, also auf keinen konkreten Anschlag hinweise, wird ihm während seiner Konzerte zunächst kein Polizeischutz gewährt. „Die Angst ist wie meine Hand. Sie ist ein Teil von mir“, stellt er fest.

In der österreichischen Produktion Sand and Blood kommen Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien zu Wort. Sie erzählen zunächst von friedlichen Protesten gegen Diskriminierung und Rassismus im Irak, die anfängliche Euphorie und das Gefühl des „Empowerment“ zu Beginn des Arabischen Frühlings in Syrien und wie die Situation schließlich in einen der längsten und blutigsten neuen Kriege unserer Zeit umschlug. Das Machtvakuum im Irak und Syrien brachte außerdem die mörderische Organisation Daesh hervor. In einer der Found Footage-Aufnahmen, die das Basismaterial des Filmes bilden, wird ein kleines Mädchen gezeigt, das die Hände zum Himmel hebt und fleht, diese möge endlich das Land verlassen. Diese Szene und der wehmütige Abgesang auf Syrien „Even your hell is paradise“ bleiben noch lange in Erinnerung.

Welche Möglichkeiten hat ein Mensch, der gezwungen ist, aus seinem Land zu fliehen?

Die UN Refugee Agency UNHCR (Office of the High Commissioner for Refugees) erfüllt ihr Mandat, Flüchtlinge zu schützen und ihnen Lösungen zu bieten, durch die von ihr verwalteten Flüchtlingscamps und humanitäre Hilfeleistungen. Weitere anerkannte Lösungen, mit denen UNHCR Flüchtlinge unterstützt, sind Resettlement, lokale Integration und Hilfe bei der freiwilligen Rückkehr.(1)

Da es keine sicheren Fluchtrouten nach Europa gibt, stehen den Kriegsflüchtlingen realistisch gesehen derzeit nur folgende drei Lösungen zur Verfügung: Ein Leben in Armut am Rande der großen Städte in den umliegenden Ländern, die Unterbringung in den leider großteils unterfinanzierten UNHCR-Camps oder der gefährliche Weg nach Europa auf dem Land- oder Seeweg.(2)

Station 2: Das Leben am Schattenarbeitsmarkt (Option 1)

Viele Flüchtlinge scheuen die Unterbringung in Camps, da sie dort keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Taste of Cement zeigt in beinahe überästhetisierten Bildern den Arbeitsalltag eines syrischen Flüchtlings, der als Bauarbeiter im Libanon lebt. Der Protagonist hat die Option gewählt, in einem Land nahe der Kriegszone am Schattenarbeitsmarkt sein Dasein zu fristen und dort unter gefährlichen und gesundheitsschädlichen Bedingungen zu wohnen und zu arbeiten. Er muss sich an eine über Flüchtlinge verhängte abendliche Ausgangssperre halten und weitere Einschränkungen seiner Rechte in Kauf nehmen. Menschen wie er werden es sein, die am Ende des Krieges bald wieder nach Syrien zurückkehren können und auch die handwerklichen Fähigkeiten besitzen, um ihr Land wieder aufzubauen – vorausgesetzt sie überstehen die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen sie derzeit leben, unbeschadet.

Station 3: Das Leben in den Flüchtlingscamps (Option 2)

Alternativ zum Lebensentwurf am Rande der Großstadt zeigt Lost in Lebanon zunächst den Alltag syrischer Flüchtlinge in einem libanesischen Flüchtlingscamp. Da es nicht möglich ist einer kommerziellen Tätigkeit nachzugehen, finden die BewohnerInnen des Camps kreative Wege, um sich zu beschäftigen und die Talente der jungen EinwohnerInnen zu fördern. „Give children books and they will hold books. Give them weapons and they will hold weapons“, meint Nemr, der gemeinsam mit Sheikh und dem NGO-Gründer Fritz im Peace Center als Voluntär arbeitet. Man möchte keine verlorene Generation hervorbringen, sondern das Beste aus der Situation machen. Wir lernen auch den Künstler Mwafak (siehe Titelbild) kennen und die junge Frau Reem, die im Shatila Camp eine Charity gegründet hat. Als die libanesische Regierung 2015 ihre "Open Door"-Flüchtlingspolitik ändert, steht für alle die Möglichkeit, weiter im Land zu bleiben, auf dem Spiel.

Zur Untätigkeit verdammt sind zunächst auch die BewohnerInnen des Fidanlik Camps in der Türkei. Die ProtagonistInnen in What the wind took away sind jesidische Frauen, die von ihrer Flucht vor Daesh in den Bergen des Nordiraks erzählen. Sie schwelgen in Erinnerungen an bessere Zeiten oder verlieren sich in Hoffnungslosigkeit – zu groß ist der Schmerz über die Toten des Massakers an den JesidInnen in ihrer Heimat Sindschar und die Erinnerung an die Flucht. Bräuche, Gartenarbeit, Musik und Spiritualität geben den Familien im Camp Halt. Eine von ihnen wird sich möglicherweise auf den Weg nach Europa machen.

Station 4: Der gefährliche Weg nach Europa (Option 3)

Kinder treffen die Belastungen der Flucht besonders stark. Die Perspektive der 3jährigen Lean, die mit ihren Eltern den Weg nach Schweden bestreitet und sich dabei nach ihrem Zuhause sehnt, kann in 69 Minutes of 86 days eingenommen werden. Demgegenüber rückt in Another News Story nicht die Situation der Flüchtlinge direkt in den Mittelpunkt sondern die mediale Berichterstattung und wie diese unsere Wahrnehmung prägt.

Auf dem Weg nach Europa begegnen wir an der türkisch-bulgarischen Grenze The Good Postman. Ivan möchte Flüchtlinge in seinem Heimatort in Bulgarien ansiedeln, stößt aber auf den Widerstand seines Konkurrenten um das Bürgermeisteramt, der den greisen EinwohnerInnen stattdessen „Internet für alle“ verspricht. Wir kommen auch in Kontakt mit der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache FRONTEX, der Ivan täglich über mögliche Grenzüberschreitungen von Flüchtlingen berichten soll. Auf der einen Seite sehen wir einen Mann voll Empathie, der auch das Potential der Flüchtlinge erkennt (ein ähnliches Projekt kennt man bereits: der italienische Ort Riace(3), in dem erfolgreich Flüchtlinge angesiedelt wurden und die nun erheblich zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen). Auf der anderen Seite werden in dem Film die grausamen Aspekte der Flucht gezeigt, allen voran die Geschäftemacherei der Menschenschmuggler, die in den Flüchtlingen nicht viel mehr als eine Ware sehen und die der Erstickungstod von 71 Flüchtlingen in einem LKW nicht weiter schert.

In The Order of Things folgen wir dem italienischen Regierungsbeamten Corrado nach Libyen und lernen dabei Suada kennen. Corrado soll in Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache den illegalen Menschenschmuggel über die Mittelmeerroute beenden. In Tripolis wendet sich Suada persönlich an ihn und bittet Corrado um Hilfe, sie bleiben in Kontakt. Als er sie an einem der Hotspots für aufgegriffene MigrantInnen wieder antrifft, will er der Somalierin zunächst die Flucht nach Finnland ermöglichen. Sein Kollege weist darauf hin, dies könnte ihn gegenüber der libyschen Küstenwache erpressbar machen, Corrado bleibt jedoch hartnäckig in seiner Entscheidung. Wieder zuhause im trauten Heim, im Kreis der Familie - einige Zeit ist nun vergangen und der persönliche Kontakt mit Suada abgebrochen - kommen ihm Zweifel an seiner Entscheidung.

Der Film wirft die Frage auf, warum wir helfen. Kann Empathie eher im persönlichen Kontakt entstehen? Oder geht es um eine ganz andere Frage: Was passiert mit den anderen MigrantInnen, die ebenso von Ausbeutung betroffen sind? Würde die Entscheidung einer Person sofort zu helfen, den anderen längerfristig schaden? Muss man dieser Person nicht dennoch helfen, wenn man die Möglichkeit dazu hat?

Station 5: Ankunft in Europa – Warten auf den Asylbescheid

In Stranger in Paradise klärt ein Lehrer MigrantInnen und Flüchtlinge darüber auf, wie sie von den EuropäerInnen wahrgenommen werden – im ersten Akt konfrontiert er sie mit den Ängsten und Vorurteilen der EuropäerInnen, im 2. Akt mit der hoffnungsvollen, willkommen heißenden Kultur. Am Ende entscheiden europäische Gesetze darüber, wer bleiben darf und wer einen negativen Asylbescheid erhält.

Wären offene Grenzen für die Welt besser? Es bräuchte keine komplizierten Asylprozeduren mehr, die Wirtschaft wäre weniger eingeschränkt und der Ungerechtigkeit der Zufälligkeit des Geburtsortes würde man damit auch entgegenwirken. Diese Zufälligkeit, die der Film im 2. Akt anspricht, ist ein Hauptargument des Ethik-Professors Joseph Carens für unbegrenzte, weltweite Freizügigkeit.(4)

Für den Anfang wäre es auf jeden Fall notwendig, die Definition von „Flüchtling“, die in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951(5) festgelegt ist und die darüber entscheidet, ob ein Mensch im Aufnahmeland bleiben darf oder nicht, zu erweitern. Sogenannte „WirtschaftsmigrantInnen“ aus fragilen Staaten und andere Personen, die sich auf der Flucht befinden und deren Leben bedroht ist, miteinzubeziehen, ist dringend notwendig. Denn Klimawandel und wirtschaftliche Notlagen im globalen Süden stellen ebenso eine existentielle Bedrohung für viele Menschen dar wie politische Verfolgung, gelten aber derzeit nicht als anerkannte Fluchtgründe.(6) Der Film führt uns diese Tatsache vor Augen, wenn der Lehrer in Akt 3 den Großteil der Personen dazu auffordert den Klassenraum zu verlassen, um nur die potentiellen AsylanwärterInnen weiter zu befragen, die den Kriterien entsprechen.

Rokshar, ein afghanisches Mädchen, von dem der Film The Wait handelt, hat sich außergewöhnlich schnell in die dänische Gesellschaft integriert. Sie übersetzt für die Eltern, die aufgrund des Todes eines der Brüder schwer depressiv sind, und die ganze Familie muss auf den Asylbescheid warten. Der Film wirft die Frage auf, wie viel einem Kind zugemutet werden kann. Nach Rokshars psychischem Zusammenbruch fragt die Pflegemutter, was passieren würde, wenn man sie nach Afghanistan zurückschickt. Rokshar würden die Taliban mit einem älteren Mann verheiraten und den Vater würden sie töten, da er sich auf die falsche Seite gestellt hätte, antwortet sie.

Afghanistan ist kein sicheres Land und Flüchtlingskinder - auch die, die selbstständig und hochbegabt sind - sind immer noch Kinder. Man darf ihnen nicht die Verantwortung für die ganze Familie überlassen und muss ihnen die gleiche Unterstützung wie jedem anderen Kind auch zukommen lassen.

Station 6: Heimkehr?

Wir machen einen Sprung nach vorne und treffen auf die ehemaligen Flüchtlinge Sophie und Ervin. Sie haben in den 90er Jahren aufgrund der Jugoslawienkriege ihre jeweiligen Länder verlassen und verarbeiten ihre Geschichte auf unterschiedliche Weise in sehr persönlichen Filmen.

Shapeshifters erzählt durch Homevideos von Sophies Erfahrungen in der neuen Heimat Australien. Ständig wird sie nach ihrer Herkunft, also der „richtigen“ Heimat gefragt und nicht als „echte“ Australierin wahrgenommen. Sie kommt zu dem Schluss: „If you look for a home do not look for it in a country.“

Ervin sucht in Heimweh die Stadt Foca in der Republik Sprska in Serbien auf. Er war bei der Flucht noch zu jung, um sich an das Leben an seinem Herkunftsort erinnern zu können, begibt sich aber dennoch auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Bei jeder Station, an der er ankommt, trifft er Personen, die seiner Familie auf der Flucht geholfen haben.

Möchte man am Ende eines Konfliktes zurückkehren? Was, wenn man gar keinen Bezug zu dem Land, aus dem man gekommen ist, hat? Und wie sieht es mit der Frage nach Gerechtigkeit aus? Auch mit dieser Frage wird Ervin konfrontiert, als er in Foca eine Gruppe DemonstrantInnen trifft, die für die Aufklärung der Gräueltaten während des Krieges protestieren.

Fest steht, dass niemand zur Rückkehr gezwungen werden kann. Flucht ist ein zufälliges Schicksal, an dem keiner der Betroffenen Schuld hat. Die Verantwortung, die Zustände in ehemaligen Kriegsländern zu verbessern, liegt bei den politischen EntscheidungsträgerInnen. Eine Versöhnung der Gesellschaft wird nur stattfinden können, wenn die Frage nach der Rechtsprechung über Kriegsverbrechen geklärt ist.

Laura Skocek


Weiterführende Literatur:

(2)(6) Betts, Alexander / Collier, Paul: Refuge. Transforming a Broken Refugee System. Penguin Random House UK, 2017.

Bloomfield, David et.al.: Reconciliation after Violent Conflict. A Handbook. 2003.

(4) Carens, Joseph H.: The Ethics of Immigration. Oxford University Press, 2013.

Weiterführende Links:

(1) UN High Commissioner for Refugees (UNHCR), UNHCR's mandate for refugees, stateless persons and IDPs. https://emergency.unhcr.org/entry/79544/unhcrs-mandate-for-refugees-stateless-persons-and-idps

(5) Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951. http://www.unhcr.org/dach/wp-content/uploads/sites/27/2017/03/Genfer_Fluechtlingskonvention_und_New_Yorker_Protokoll.pdf

Hemayat – Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende: http://www.hemayat.org

Artikel zum Thema Flucht:

(3) Relotius, Claas: „Flüchtlinge retten Riace vor dem Untergang“. Stand 13. November 2012. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-11/italien-dorf-riace-fluechtlinge-zuhause

Pierini, Marc: „The EU and the Mediterranean Area: Dealing with Conflicts, Tensions and Resets“. Stand: 19. Juli 2017. http://carnegieeurope.eu/2017/07/19/eu-and-mediterranean-area-dealing-with-conflictstensions-and-resets-pub-71592

​Meinungsfreiheit und Pressefreiheit als Menschenrecht

Das ‚this human world’ beschäftigt sich heuer mit verschiedenen filmischen und diskursiven Zugängen zur Bedeutung von Medien für Menschenrechte und beleuchtet auf unterschiedliche Art und Weise spezifische Problemhorizonte.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sind die Freiheit der Meinung, der Meinungsäußerung und der Presse als grundlegende Menschenrechte festgelegt. Dieses Recht ist – wie auch alle anderen Menschenrechte - von staatlicher, institutioneller und gesellschaftlicher Seite zu sichern.

Mit dem Aufkommen der Flüchtlingskrise kursierten immer mehr Bilder von Geflüchteten und Kriegsopfern in den westlichen Medien und mit der Veröffentlichung eines Fotos, das tote Flüchtlinge zusammengepfercht im Laderaum eines Kühllasters zeigt sowie des Fotos eines ertrunkenen Kindes am Strand wurde ein neuer Höhepunkt in der Debatte über Medienethik in den Medien und der Öffentlichkeit erreicht. Rechtfertigt die Pressefreiheit, dass Medien über alles berichten dürfen? Wer trägt die Verantwortung, über was und vor allem wie darüber berichtet wird? Dieser wichtigen Frage nach ethisch-moralischen Grenzüberschreitungen innerhalb der Medienberichterstattung vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle in Europa widmet sich das ‚this human world’ in Kooperation mit der FRA im Rahmen des Screening von ‚Another news story’ und der anschliessenden Podiumsdiskussion:

Während sich in Europa eine große humanitäre Katastrophe abspielt, filmt der britische Filmemacher Orban Wallace während dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 Reporter aus aller Welt auf der Suche nach ihrer großen Story entlang der Flüchtlingsroute von Lebos bis Wien und widmet sich der Frage nach der Medienberichterstattung zwischen Ethik und Provokation.

Der Film wird am 5.Dezember um 20:15 im Top Kino gezeigt und im Anschluss gibt es eine Podiumsdiskussion mit Blanca Tapia von der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) als Moderatorin, sowie Tom Law vom Ethical Journalism Network und dem Regisseur von Another News Story Orban Wallace, welche sich unter anderem mit der Frage nach der Berufsethik von Journalisten und der individuellen moralischen und ethischen Verantwortung dieser beschäftigen wird.

In der Kurzdokumentation '3 Stolen Cameras' geht es um Medien als Instrument der Aufklärung. Sie behandelt die politische Situation in der Western Sahara und die wichtigste Funktion der Medien – die Herstellung von Öffentlichkeit. Westlichen Journalisten ist es verboten das Gebiet der Western Sahara zu bereisen. Den politischen Videoaktivisten von Equipe Media gelingt es hier unter gefährlichen Bedingungen und politischen Repressionen die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen trotz Medienzensur zu dokumentieren und mit der Öffentlichkeit zu teilen. Wir zeigen die Dokumentation am 5. Dezember um 21:30 im Topkino in der Doppelvorstellung mit ‚Mogadishu Soldier’.

In ‚tickling giants’ nutzt der ‚ägyptische Jon Stewart’ Dr. Bassem Youssef während des Arabischen Frühlings politische Satire als Waffe gegen die Regierung und die Mächtigen des Landes. Im Gegensatz zu den Regierungsmedien, welche stets versuchen die Proteste auf dem Tahir zu diskreditieren und keinerlei Kritik an der Regierung und Armee formulieren, zeichnet sich Youssefs Sendung durch eine noch nie nachgewesene Presse- und Meinungsfreiheit aus, in welcher er sich über die Machthaber des Landes lustig macht und mittels Humor Unbequemes anspricht. Doch nach dem Militärcoup und dem darauffolgenden Machtwechsel, beginnt die Regierung unter General Al-Sisi noch radikaler gegen Opposition und Regierungskritik vorzugehen. Kritische Medien verschwinden in der Versenkung und auch Youssefs Sendung ist in Gefahr und der Sender stellt Youssef unter heftigem politischen Druck vor eine Wahl, die keine ist: seine Sendung nur weiterzuführen, wenn er fortan auf Kritik Al-Sisis verzichte.

In Kooperation mit Cinema for Peace zeigt das ‚this human world’ den Film am 8.Dezember um 13 Uhr bei freiem Eintritt im Top Kino.

Patricia Oulehla

Convictions

„Hast du Dich schon als Freiwilliger eingetragen?“ - so lautet das berühmteste Poster von Dmitry Moor.

Am Anfang der Ära der Sowjetunion war der Wehrdienst in der Rote Armee freiwillig. Mit dem Beginn des Russischen Bürgerkriegs entstand in bolschewistischen Kreisen die Notwendigkeit für die Wiedereinsetzung der Militärdienstpflicht. Der Grund war jene Gebiete zu schützen, die unter der Kontrolle der neuen Regierung standen. In der Verfassung, die nach dem Bürgerkrieg eingeführt wurde, galt Vaterlandsverteidigung als „heiliger Pflicht“ jedes sowjetischen Bürgers und der Militärdienst wurde als „ehrenvolle Aufgabe der sowjetischen Bürger“ bezeichnet. Das Einberufungsalter war 18 Jahre. Die Dauer 2-3 Jahre. Befreit waren jene jungen Frauen und Männer, die nicht die Gesundheitskriterien erfüllten, die aus familiären Gründen verhindert waren oder ihr Studium fortführen mussten.

Mehr als 80 Jahre später, im heutigen Russland, ist das wehrpflichtige Alter gleich geblieben; die Dienstzeit wurde auf 12 Monate reduziert und im Allgemeinen kann man nur befreit werden, wenn die gesundheitlichen Voraussetzungen dagegen sprechen. Es gibt vier Möglichkeiten, mit denen man die Wehrpflicht umgehen kann: Bestechung, ein gefälschtes medizinisches Zeugnis, das etwa 4 russische Durchschittsgehälter kostet oder solange ‚untertauchen’, bis man das Einberufungsalter – 27 Jahre – überschreitet. Als vierte legale Möglichkeit, als tauglich das Militär zu umgehen, ist der Zivildienst, der seit 2004 eingeführt wurde. Die Dauer beträgt fast doppelt so lang wie der Militärdienst und ist in der Regel heimatfern. Genau diese Entscheidung treffen die Helden des Films „Convictions“ von Tatyana Chistova. Diese jungen und mutigen Männer wissen noch nicht, welche bürokratische Hölle sie noch durchqueren müssen, weil die Anmeldung für den Zivildienst in Russland nicht so einfach und automatisiert wie in Österreich ist.

„Wenn man 17-18 alt Jahre wird, bekommt man hier in Österreich eine Vorladung zur Militärkommission“- erzählt der mit seinem Zivildienst in Bulgarien gerade fertig gewordene Georg H. „Es gibt zweitägige medizinische Untersuchungen, die von Ärzten nur vor Ort in einer militärischen Einrichtung durchgeführt werden. Natürlich versucht das österreichische Bundesheer die pazifistischen Burschen umzustimmen, sich doch für den Wehrdienst zu entscheiden. Jene, die sich nicht beeinflussen lassen, füllen eine Erklärung aus und schicken sie an Zivildienstagentur. Es ist möglich eigene Wünsche anzuführen, wo und in welcher Einrichtung man seinen Dienst absolvieren will und der Hintergrund oder die Ausbildung spielen keine zentrale Rolle, können aber behilflich sein (z.B Führschein oder Sprachkenntnisse). Sehr wichtig ist die rechtzeitige Anmeldung, da die attraktiven Stellen begrenzt sind und es lange Wartelisten gibt.“

In Russland ist der Prozess der Anmeldung für den Zivildienst wesentlich „spannender“. Laut Gesetz muss der Wehrpflichtige, der den Zivildienst leisten will, entweder „zu einer ethnischen Minderheit gehören“ oder „Überzeugungen/Glaubensbekenntnisse haben, die im Widerspruch zum Wehrdienst stehen“. Dann beginnt der Zirkus (bürokratischer und psychologischer Hürdenlauf): Der Einzuberufende kommt zum Gespräch zur Militärkommission und seine Aufgabe ist es die Behörde von seinen Beweggründen zu überzeugen. Das ist in Russland noch immer sehr schwierig und führt oft zu Ablehnung der Zivildienstanmeldungen wie der Film von Tatiana Chistova zeigt. Das Gesetz lautet, dass die Ablehnung des Militärdienstes ”motiviert” sein sollte, aber es wird nirgendwo gesagt, dass die religiöse Zugehörigkeit oder Vorhandensein von Überzeugungen nachgewiesen sein müssen. Die Jugendlichen scheinen im Film mutig zu sein, wenn sie sich dem Kerberos entgegenstemmen, der den Eingang zur bürokratisch-chaotischen russischen Gesetzgebung bewacht. Aber die Regisseurin Tatiana Chistova räumt ein:

„Am Anfang hatten wir viele Helden und Kandidaten für den Film, aber in der finalen Version werden nur 4 Geschichte gezeigt.“– erzählt sie für die unabhängiger Sender „Svoboda.org“. „Ich wollte, dass die Protagonisten ganz alltägliche Jugendliche sind. Besondere und schwierige Fälle habe ich absichtlich nicht ausgewählt. Sankt Petersburg ist die Stadt von drei Revolutionen; es ist für uns charakteristisch zu rebellieren. Jugendliche, die im Wartezimmer sitzen und fatal ihr Schicksal einer Ablehnung akzeptieren, empfand ich ungewöhnlich und verwunderlich. Burschen die den Dialog gleichwertig auf Augenhöhe mit der Kommission zu führen versuchen, sollte meiner Meinung nach normal und richtig sein.“

Ein Umstand, die vielleicht sowohl in Österreich als auch in Russland immer wieder vorkommt, ist der soziale Druck. „Nicht in der Armee gedient zu haben bedeutet kein richtiger Mann zu sein“ – Dies ist in der Bevölkerung noch ein weit verbreitetes Paradigma. Statistisch gesehen sind beide Länder vergleichbar: die vom Land stammenden Jugendlichen entscheiden sich überwiegend für den Wehrdienst während sich die Städter immer mehr dem Zivildienst zuwenden.

„In Sankt Petersburg kennen fast alle den Zivildienst. Es gibt viele Bewerbungs- und Informationsstellen. Die Provinz ist aber das Gegenteil. Hier ist das Ausbildungsniveau niedriger und der Wehrdienst ist oft das einzige Mittel, sein Leben zu verändern. In der Einöde des Hinterlandes herrscht das Nichtstun.” – sagt die Regisseurin von „Convictions“.

Der Zivildienst sollte Chance und Möglichkeit gesehen werden, andere Aspekte des Lebens kennen zu lernen und für eine gewisse Zeit aus dem vorbestimmten Weg- dem Hamsterrad aus Schule, Wehrdienst, Polytechnikum, Familie oder der tägliche Routine - auszubrechen, um in den Augen der Wehrdienstgegner auch etwas Sinnvolles zu tun, wie Altenbetreuung, Arbeit mit Jugendlichen oder Hilfeleistungen in medizinischen Einrichtungen.

Kati Mikhailova

Convictions (Ubejdenia)

ist zu sehen am 07/12/2017 um 21:30 im TopKino Saal 2.

https://www.thishumanworld.com/movie_detail.php?movieId=159

Sexualität als Menschenrecht – Living and other Fictions

Jo Sols Film zeigt auf, was vielen oftmals nicht bewusst ist: Menschen mit Beeinträchtigung sind keine asexuellen Wesen. Auch sie sehnen sich nach Zärtlichkeit, Intimität und Sexualität. Doch für sie ist es schwierig, Erfahrungen mit Erotik und Sexualität zu gewinnen und ihren eigenen Körper kennen zu lernen. Sexualbegleiter und Sexualbegleiterinnen bestärken mit ihrer Arbeit behinderte Menschen in ihrer Selbstbestimmung und unterstützen sie in ihrer sexuellen Entwicklung. Was sie anbieten sind Begegnungen, bei denen Lust am eigenen Körper erfahren und Lebensfreude im Zentrum stehen und beide Seiten mitbestimmen wie weit der Kontakt geht. Sexualität kann dabei nicht auf Geschlechtsverkehr reduziert werden, vor allem geht es um Berührung, berührt werden und Nähe spüren.

„Natürlich werde ich den ganzen Tag angefasst. Ich werde von meinen Assistenten angezogen, ausgezogen, gewaschen. Aber es berührt mich nicht - das hat nichts mit Berührung zu tun“, erzählt Christine. Sie sitzt im Rollstuhl und hat schon Erfahrungen mit Sexualbegleitung gemacht. Nicht nur der Wunsch nach Berührung, auch die Entwicklung der eigenen Sexualität ist wichtiger Aspekt der Sexualbegleitung. Während andere bereits in der Pubertät erste sexuelle Erfahrungen machen, fehlt es Menschen mit Behinderung oftmals an Wissen und Erfahrung. „Wie fühlt sich eine Frau an bestimmten Körperstellen an? Wo ist es angenehm sie anzufassen? Wo ist es angenehm für sie, wo ist es angenehm für mich und wo ist es für beide angenehm?“ - All das habe er in seiner ersten Begegnung mit einer Sexualbegleiterin gelernt, sagt Thorsten, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt.

Sexualbegleitung in Österreich

In Österreich gibt es in keinem Bundesland eine Beratungsstelle für Sexualbegleitung. Die ehemalige Einrichtung LIBIDA-SEXUALBEGLEITUNG® in der Steiermark bildete Sexualbegleiter und Sexualbegleiterinnen nach strengen Qualitätskriterien aus. Sie fordert aktuell in einer Bürgerinitiative bundesweit gültige gesetzliche Grundlagen für ihre Arbeit, denn momentan fällt Sexualbegleitung unter das Prostitutionsgesetz, das in jedem Bundesland anders ist.

Eine der in Österreich ausgebildeten Sexualbegleiterinnen ist Monika Noisternig. Sie beschreibt ihre Arbeit so: „Sexualbegleitung bietet Menschen, die keinen Zugang zu natürlich gelebter Sexualität haben, die Möglichkeit sexuelle Erfahrungen in einem geschützten Rahmen machen zu können. Das kann schlichtes Hände halten, oder im Arm gehalten werden sein, aber auch bis zu einer erotischen Massage im Intimbereich gehen. Ich persönlich biete Sexualbegleitung ausschließlich für Menschen mit starken körperlichen und/oder kognitiven Einschränkungen an. Das heißt, dass es sich meistens um die Unterstützung sexueller Lernschritte handelt, wie etwa Erlernen zu masturbieren.“

Sexualbegleitung≠ Prostitution

Den Unterschied in der Sexualbegleitung zur Prostitution sieht Monika Noisternig darin, dass nicht für eine bestimmte sexuelle Handlung, sondern die miteinander verbrachte Zeit bezahlt wird. „Unser inhaltliches Angebot ist ebenso verschieden wie wir selbst, aber in jedem Fall sind Schleimhautkontakte ausgeschlossen. Es gibt weder küssen, noch Oral- , Anal-, oder Vaginalverkehr. Sofern es überhaupt zu Berührungen im Intimbereich kommt, (so) verwende ich dabei Vinylhandschuhe“. Bei mental eingeschränkten KundInnen bedürfe es oft Monate intensiver Auseinandersetzung, ehe ein sich Näherkommen und Berührungen möglich seien. „Da ist nebst Empathie schon sexualtherapeutisches Wissen und psychologisches Gespür erforderlich, das ohne entsprechende Ausbildung ganz einfach nicht machbar ist. Sobald ich KundInnen in ihrer sexuellen Entwicklung so reif wahrnehme, dass sie in der Lage sind die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen, gebe ich sie als KundInnen ab. An der Stelle ist meine Arbeit erfolgreich erledigt“, erzählt sie. Trotzdem habe sie die Erfahrung gemacht, dass Prostituierte häufig nicht bereit seien, mit Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen zu arbeiten.

Hilfe bei der sexuellen Entwicklung

Durch Sexualbegleitung können Menschen erotische Erfahrungen nachholen, ihren Körper erkunden und lernen, mit anderen Körpern umzugehen. Besonders schön an ihrem Beruf, ist es zu sehen, wie Menschen durch die Begleitung aufblühen. „Viele Menschen begleite ich ein Stück des Weges in ihrer sexuellen Entwicklung und leiste damit einen Beitrag zu ihrem Ganz-Sein und Heil-Sein. Wir alle sind sexuelle Wesen, von der Wiege bis zur Bahre. Wenn sich meine KundInnen sexuell weiter entwickeln, beobachte ich immer auch in anderen Bereichen Entwicklungsschritte“. Die sexuelle Entwicklung, geht somit mit Entwicklung in anderen Lebensbereichen einher. Genau deshalb ist auch die Unterstützung und Begleitung in intimeren Situationen des Lebens für Menschen mit Beeinträchtigung wichtig. Bewusstsein und rechtliche Rahmenbedingungen für Sexualbegleitung zu schaffen, ist somit ein weiterer Schritt in Richtung Inklusion.

Marlene Gutscher

Weitere Infos:

http://derstandard.at/2000059031796/Sexualbegleitung-Endlich-einmal-beruehrt-werden

http://www.alphanova.at/fachstelle_hautnah.html

Berührungen.Regie: Mechthild Gaßner. Deutschland 2016. https://www.arte.tv/de/videos/067120-000-A/beruehrungen/

CINEMA AND HUMAN RIGHTS: #DIREN//BERXWE BIDE//RESIST – spaces, brothers, sisters and others

The Research Centre Human Rights of the University of Viennahas focussed its Winter 2017 film series on the situation in Turkey via three documentaries and one fiction film, all either followed or preceded by a panel discussion and audience Q&A.#DIREN//BERXWE BIDE//RESIST – spaces, brothers, sisters and others takes place from Friday 1st December until Thursday 7th December, with screenings of ‘Spirit of Gezi’, ‘Come to my voice’, ‘The Others’ and ‘Ecumenopolis: City without limits’, as well as the interactive workshop ‘Enclosure and Resistance’. Ceren Uysal and Sandra Benecchi are both part of the series’ curation team.

#DIREN//BERXWE BIDE//RESIST – spaces, brothers, sisters and others
By Sandra Benecchi

The Centre has been cooperating with the ‘this human world’ film festivalsince its conception 10 years ago; we took part in this adventure not only with great pleasure but also with a strong belief in what cinema can achieve in the field of human rights.

This year’s focus on Turkey makes even more sense when seen in the light of the deep-rooted place of film in Turkey. Turkish cinema is one the world’s oldest and most prolific, becoming the 5th biggest global producer of films between 1960 and 1970.Besides the popular productions which hardly ever cross the national border, an independent cinema culture has developed, finding also an international audience and developing a Janus-faced relation to the Turkish state. Despite regularly winning awards at international festivals, and contributing to Turkey’s renownin the field of independent cinema, the films’ directorsface disapproval, if not worse, in their own country.In 1982, while the Jury of the Cannes Film Festival was awarding the Palme d’Or tothe film Yol, the film’s screen-writerYılmazGüney, also famous for directing political films, was still sitting in prison. Ironically, that same year, the Istanbul film festival was born, becominga major international festival in only a few years.

The involvement of the film branch in Turkish recent events is also revealing: In 2013,the closure of the famous Emek cinema at the heart of Istanbul, and the project to turn it into a shopping mall, triggeredthe Taksim protest movement. In 2014, while the conflict between the people and the government was reaching its peak in Istanbul, Nuri Bilge Ceylan dedicatedhis Palme d’Or to the Turkish youth.And, in 2015, after the arbitrary removal of the film ‘Bakur’ from the programme of the Istanbul film festival, more than 100 film-makers published an open letter accusing the Turkish government of ‘oppression and censorship’ and boycotted the festival..

The authoritarian drift of the Turkish governmentis complex, as are the events which contributed to it. For that reason it is important to us to address this issue through fourfilms which sketch the outlines of a bigger picture: from the spaces (the criticism of neoliberalism leading the renewal politics of Istanbul in Ecumenopolis) to the brothers (the Gezi Protests bringing together different parts of Turkish society in Spirit of Gezi), the sisters (two Kurdish women confronting the absurdity of the treatment of Kurdish people in Come to my voice), and the others (the very concept of otherness and difference which underlines our commonalities in The Others). This selectionshould trace a path which beginswith the specific situation in Turkey, broadens and finally approaches questions which concern the very core of our humanity.

This film series doesn’t claim to show how things really are in Turkey or to exhaustively portray the situation in this country. Fiction or documentary, cinema is not the reality, doesn’t and shouldn’t pretend to be it. A film cannot be more than the representation of the reality at a specific moment in a specific place. A film is alsothe result of a director’s choices, and where he or she decides to place acamera. But this film series does offer scraps of reality, testimonies, stories, real or fictional characters, a diversity of opinions and point of view. All of them represent the pieces of a big and complex puzzle, generating understanding and empathy, triggering indignation and (hopefully) resistance, leading, eventually, to a better apprehension and comprehension of this multi-faceted country and population.

#DIREN with ‘Spirit of Gezi!’

#DIREN with ‘Spirit of Gezi!’
By Ceren Uysal

All theory is grey, but the glad golden tree of life is green (Goethe)

‘The Spirit of Gezi’, is a very special documentary for me, because it is not only about Gezi Park; it carries the spirit of resistance onwards. The experiences of the ordinary participants in this resistance, their stories, thoughts and dreams,act as the most powerful analysis of the Gezi Park protests. This studywas not undertaken by director ÖzgürÇataltepe. But, like the Gezi Park resistance itself, it is the collective product of the film’s subjects. I believe that this is where the documentary draws its strength from.

The people who joined the Gezi Resistance have a secret commonality: They never get tired of telling the story of Gezi.You can test this out: ask a simple question to someone who participated in the protests and you will notice that she can speak until the morning. You might also see the laughter in her eyes and excitement in her voice. While you try toto carry the conversation to the theoretical dimensions of social movements, she will tell you about how the park’s Kindergarten was saved.

I am a lawyer and, during the Gezi protests, I needed to defend an 18 year old boy. He was arrested with around 100 other people outside the park, accused of having spray paint in his bag.During the protests, the most dangerous evidence against a protestor were spray paint, gas masks and construction helmets and they could end up in prison for this alone. Before his interrogation, I spoke with him and informed him about all of the risks. I underlined that he didnot have to accept any evidence or accusations being held against him. But I could not convince him. This young boy – who stayed in a police station for more than 24 hours, insisted on explaining why he had that spray paint.

I want to summarise the defense of this university student as far as I can remember. He was a student in a small town, near İstanbul. He was following the Gezi protests through social media. He had never been interested in politics in his life. But, after reading about the protests he decided to come to Istanbul to visit the park for one weekend.He decided to stay - he wanted to be a part of this life. He began working in one of the Kindergartens inthe Park teaching hand-printing to children. This is why he had spray paint. He also built a wall inside Gezi Park. He wanted to destroy that wall, when the protests finished. The wall represented people's prejudices. He was staying in one of the tents in the park and eating in the park. He was also taking books from the library and was reading to the children. I will never forget the expression on the prosecutor's face and his question: ‘What is he talking about?’ I replied that he should visit the park and see the nurseries, libraries and community gardens for himself.

Gezi was a space that was built by the people collectively. It was 15 days without police and without money. We did not only learn from each other, but we discovered how to learn. It was also just smiling and breathing. I believe that all justified resistance has the same effect on people. Even if the countries, languages or demands are different, the feeling of collective happiness is the same. The Gezi resistance touched our lives and strengthened our hope for a different and better world. Although Turkey's political situation is becoming worse day by day, we still have hope and the strongest foundation for this hope lies withthe millions of people who were on the streets in June 2013.This is why ‘The Spirit of Gezi’ must be watched. Because it is the duty of the human rights struggle to affectcollective happiness and the hope!

Ceren Uysal will take part in a panel discussion which precedes the screening of ‘The Spirit of Gezi’ at 18:00 on the 1st of December 2017 at Schikaneder.

La Perla - About the Camp

Spuren Argentiniens Militärdiktatur

Der Film La Perla - A propósito del campo von Pablo Bauer nähert sich der diktatorischen Vergangenheit Argentiniens in Form eines filmischen Portraits des Konzentrationscamps La Perla. Dieses Camp war nur eines von vielen Lagern, in denen die Militärjunta unter der Führung von Jorge Rafael Videla, Anhänger marxistischer Gruppierungen, Oppositionelle, GewerkschafterInnen, KünstlerInnen und Intellektuelle sowie deren Angehörige verschleppte und exekutierte. Im Zeichen eines ,,nationalen Reorganisierungsprozesses‘‘ ließ die Junta geschätzte 30 000 Menschen verschwinden und töten. Ein Großteil der Fälle wurde bis heute auf Grund von stockenden Amnestiegesetzen nicht aufgeklärt. Die ab 1972 sieben Jahre andauernde Militärdiktatur hinterließ ihre Spuren nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in Form verlassener Konzentrationslager die im ganzen Land verstreut sind.

Geheimhaltung und Anonymisierung

Neben schon bestehenden Lagern, wie das später als Gedenkstätte umgebaute Camp Esma in Buenos Aires, wurden auch eigene Lager errichtet, die von den Militärs als Folter- und Haftzentren genutzt wurden. So ist La Perla nur eines von mehreren Konzentrationslagern, in denen Menschen versteckt, gefoltert und hingerichtet wurden, die aber offiziell nicht als Gefangenenlager bezeichnet wurden. Diese Lager entstanden unter dem Siegel größter Verschwiegenheit und Geheimhaltung, für die die Junta einiges an Aufwand betrieb.

Der Regisseur Pablo Bauer nähert sich der Thematik durch einen filmischen Zugang der Lokalitäten des ehemaligen Konzentrationscamps in der Provinz Córdboa. Die 43km2 große Anlage liegt nur knappe 700 Meter entfernt von der kurz vor dem Putsch errichteten Verbindungsstraße, die zwischen Córdoba und Carlos Paz im Norden Argentiniens gebaut wurde. Die Lage des Camps an dieser viel befahrenen Straße, nur 20km vor Córdoba, wirft Fragen auf. Wie viele Menschen fuhren dort tagtäglich vorbei ohne etwas zu ahnen. Wie viele wussten davon und hielten es geheim?

Die Nähe des Schreckens, die im Film viel thematisiert wird kann als Anspielung auf die Vertuschungsstrategien und die absolute Geheimhaltung durch das Verschwindenlassen der Opfer dienen. Über 2000 Menschen wurden in dem Lager festgehalten und gefoltert.

Das Portrait des Camps La Perla, auch genannt La Universidad, will dem Betrachter das Verbleiben und die Schrecken der vergangenen Geschehnisse durch audiovisuelle Impressionen und langsame Annäherung an die Anlage und ihrer Umgebung, mehr über die Sinneseindrücke und über entstehende Emotionen als über die Präsentation von Fakten näherbringen.

Und dennoch spielen Zahlen eine große Rolle in Bauers Film. Dem verlassenen Camp wird der Betrachter in 17 Kapiteln über den Grundriss, sowie zahlreichen Aufnahmen des Areals aus allen möglichen Perspektiven herangeführt. Immer wieder wird auf die Menge der über die nahgelegene Bundesstraße vorbeifahrenden Passanten der vergangenen 38 Jahren hingewiesen und es tauchen weitere Zahlen auf in Form von Angaben des Grundrisses in genauen Maßangaben, den Rationierungen für die Insassen oder der Aufnahme von Gemäuer mit aufgedruckten Zahlenreihen.

Die Zahlen stellen eine Verbindung her zu Praktiken der Anonymisierung der Junta. Sowie die Anlage und ihr Zweck verheimlicht wurde, wurden auch die Insassen selbst anonymisiert indem ihnen statt Namen Zahlen zugeteilt wurden, mit denen sie während der gesamten Haft gerufen wurden. Drangen trotzdem Informationen über die Personen durch, so konnten diese Informationen zum Nachteil aber auch zum Vorteil der Inhaftierten werden. So wurden die Nähe und die Idealisierung faschistischer Regime, insbesondere des Nationalsozialismus unter den Wächtern zum Ausdruck gebracht, indem sie Gefangene mit deutschen Wurzeln bevorzugt behandelten und Insassen jüdischer Herkunft benachteiligten. Der Antisemitismus hatte sich in Argentinien seit den 30er Jahren immer weiter verfestigt. So machten antijüdische Kampagnen zu Zeiten Videlas, aber auch schon zuvor unter Isabel Perón, die jüdische Bevölkerung verantwortlich für die wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes. Zu Zeiten der Junta wurden Juden zusammen mit Kommunisten und Extremisten als Staatsfeinde gehandelt. Eine Ähnlichkeit mit dem deutschen Nationalsozialismus zeigte sich auch in der Errichtung der Konzentrationslager und den penibel genauen Aufzeichnungen der Rationierung der Gefangenenlager etc.

Das Tabicamiento - Zumauerung

Die Konzentration auf die Audio-Aufnahmen in Form von ungefilterten Hintergrundgeräuschen in Bauers Film werfen einen weiteren Bezug zur Vergangenheit auf, ruft man sich in Erinnerung, dass eine sehr verbreitete Taktik der Militärs zur Geheimhaltung das tabicamiento, die Zumauerung war. Diese bestand darin den Gefangenen während der gesamten Gefangenschaft die Sehfähigkeit durch Augenbinden zu nehmen. So sollten die Täter geschützt und die Lokalitäten auch nach der Gefangenschaft unauffindbar gemacht werden. Durch diese lange Zeit ohne Sehsinn geschah es, dass Überlebende die Orte ihrer Gefangenschaft nur durch die Orientierung mittels Gehörsinn wiedererkannten. Hintergrundgeräusche werden in Bauers Film zum zentralen Mittel der Rezeption dieses Ortes und verbinden das Bild der Vergangenheit mit der Gegenwart des verlassenen Camps.

Die Junta und die Kirche

,, La oración es la fuerza del soldado y la debilidad de Dios.‘‘

Einen weiteren Anstoß zur konkreten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird im Film durch die Sequenz einer Aufnahme eines christlichen Gebetschreins gegeben. Der aufgemalte Spruch, der den Soldaten als christlichen Krieger unter der Gnade Gottes ausweist, wirft in einer solchen Umgebung weitere Fragen auf. In welchem Zusammenhang stand die Kirche mit den Praktiken der Junta?

Die Militärs handelten, wie sich in den Prozessen der Aufarbeitung zeigte, größtenteils in der Annahme dem Recht nach zu Handeln und die Heimat sowie die nationale Sicherheit gegen aufrührerische Gruppierungen zu verteidigen. Auch die Kirche unterstützte die Ideologie des Regimes, den Prozess der nationalen Reorganisation, der der fortschreitenden Demokratisierung und der damit einhergehenden Meinungsfreiheit, die einen Einschnitt in die kirchlichen Machtpositionen bedeutete, ein Ende setzte. Diese Unterstützung wurde auch nicht durch die Gräueltaten der Junta geschmälert, von denen die kirchlichen Würdenträger wussten. Die aktive Unterstützung und kirchliche Beteiligung der Repression wurde von vielen Opfern bestätigt. Diese Beteiligung wurde nach dem Ende der Diktatur nicht verfolgt. Die Kirche hatte jedoch nach dem Umbruch mit massivem Vertrauensverlust und Boykotten der Bevölkerung zu kämpfen und ihr einstiges Ansehen bis heute nicht wiedererlangt. Trotzdem hat der argentinische Katholizismus nach wie vor großen Einfluss auf die Geschehnisse im Land, der auch politisch verankert ist.

Aufarbeitung und Amnestie

Die argentinischen Amnestiegesetzte nach der Zeit der Junta ließen den Aufarbeitungsprozess immer wieder ins Stocken geraten. Zwar wurde zu Zeiten der Transition eine eigene unabhängige, nationale Kommission (CONADEP) zur strafrechtlichen Verfolgung gegen die Verbrechen der Junta und ihrer Anhänger eingerichtet, jedoch wurden immer wieder Gesetze erlassen, die einen Stopp der Verfolgung und somit einen (vorzeitigen) Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen sollten. Es begann eine lange Phase des Kampfes gegen die Straffreiheit der Militärs und die beschlossenen Amnestiegesetze, die erst unter der Regierung Kirchners ab 2003 aufgehoben wurden und so erstmals viele der ehemaligen Militärs strafbar machten.

Weiters wurde ein Gesetz erlassen das durch DNA-Tests Kindesraub aufdecken und verfolgbar machen ließ. Argentiniens diktatorische Vergangenheit erlangte in der Öffentlichkeit besonders durch die Proteste der Abuelas und der Madres de la Plaza de Mayo Aufmerksamkeit, die seit der Diktatur einen beständigen, stillen Protestkampf gegen die Verbrechen der Junta führen. Über 500 Kinder soll die Junta schwangeren Frauen entrissen und zur Adoption weitergegeben haben. Seither konnten über 100 Fälle des Kindesraubes aufgedeckt werden.

Jorge Rafael Videla wurde erst 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt. Seit 2005 wurden über 600 Verurteilungen ausgesprochen. Erst 2016 wurden die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen in La Perla zur Rechenschaft gezogen und Generäle und Ex-Militärs verurteilt. Der Regisseur des Filmes brauchte fünf Jahre für die Dokumentation des Lagers, was die Ambivalenzen der Aufarbeitung in Argentinien zum Ausdruck bringt. Heute ist das Lager als offizielle Gedenkstätte begehbar.

Literatur:

,,Desaparecido‘‘ – Erinnerung aus einer Gefangenschaft. Mario Villani, Fernando Reato. Löcker Verlag

,,Imaginar el pasado‘‘ Nuevas ficciones de la memoria sobre la última dictadura militar argentina. Karen Saban, Universitätsverlag Heidelberg

,,A veinte años luz/Mein Name ist Luz.‘‘, Elsa Osorio, Colihue/Insel Verlag

- ein Text von Paulina Duarte

Forensische Architektur im Dokumentarfilm am Beispiel von "La Perla - about the Camp"

Der Begriff Forensik stammt aus der Antike und hat seinen Ursprung aus dem Kontext der Rechtswissenschaften. Im alten Rom wurden Gerichtsverfahren öffentlich abgehalten und die Urteile öffentlich verkündet. Etymologisch stammt Forensik vom lateinischen Wort für Forum ab- eben jenem Ort, an welchem die Rechtssprüche verkündet wurden. Oft wird auch von forensischer Psychologie, wenn es beispielsweise um Maßregelvollzug geht. In den letzten Jahren hat sich außerdem ein neues Forschungsfeld davon abgeleitet: die forensische Architektur.

Durch digitale Rekonstruktion ist es möglich, auch zerstörte architektonische Gegebenheiten als Untersuchungsgegenstand zu verwenden. So agieren die Architekten in der forensischen Architektur wie Archäologen oder Pathologen, die Körper examinieren und so Rückschlüsse auf Todesursachen ziehen. Häuser werden zu Körpern, die erzählen, wie sie zerstört wurden, beziehungsweise was mit ihnen geschehen ist. Drohnenangriffe und militärische Interventionen bei denen Zivilisten ums Leben kommen, können durch diese Methode untersucht werden. Menschenrechtsverletzungen können durch forensische Architektur aufgezeigt und analysiert werden. Informationen wie Kameraaufnahmen, Baupläne, 3D-Modelle, usw. dienen zur Rekonstruktion der räumlichen Verhältnisse und können so Winkel rekonstruieren, aus denen abgefeuert wurde. Bereits 20-30 Gerichtsverfahren fanden statt, in welchen forensische Architektur Beweismittel bereitgestellt hat. Die forensische Architektur wird als Methode angewendet, um Staaten oder militärische Gruppen zur Rechenschaft zu ziehen.

La Perla- About the camp zeigt, wie das künstlerische Medium Film mit politischem Dokumentarismus eine Symbiose eingehen kann. Der Film verwendet forensische Architektur um ein ehemaliges Konzentrationslager in Argentinien zu rekonstruieren.

Der argentinische Filmemacher Pablo Baur zerlegt den Film in 19 Sequenzen, die ein Gesamtbild des Gebäudes geben. Es setzt sich aus immer neuen Winkeleinstellungen und Panorama- shots zusammen. Dieses Beispiel zeigt, dass forensische Architektur gerade im Bereich des Dokumentarfilms eingesetzt werden kann. ArchitektonischeFakten wie Baupläne und Raumbeschreibungen werden mit Erinnerungen von Zeitzeugen vermischt und ergeben so ein Bild, das in Worten nur schwer ausgedrückt werden kann. Die genaue Anzahl der Räume und ihre Verwendung werden dabei thematisiert. Das trockene Aufzählen dieser Fakten wirkt absurd, nähert sich so allerdings dem Grauen dieser Institution an. La Perla wurde während der letzten Militärdiktatur (1976-1982) in Argentinien gebaut und 1979 geschlossen. Über 2200 Menschen wurden an diesem Ort gefoltert oder getötet.

Durch die Methode der forensischen Architektur können Ruinen und Orte an welchen Verbrechen gegen die Menschheit stattgefunden haben zu Zeugen werden und einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit leisten.

2011 hat der Architekt und Direktor des Research Center for Architecture am Goldsmith College, Eyal Weizman, eine Agentur gegründet, die sich Forensic Architecture (FA) nennt.

http://www.forensic-architecture.org/project/

- Carola Fuchs

LA PERLA ABOUT THE CAMP

ist zu sehen am 06/12/2017 um 21:30 im TopKino Saal 2

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this human world - Festivalblog

Anlässlich der Jubiläumsausgabe von this human world - International Human Rights Film Festival gibt es erstmals einen Festivalblog, Die Autor_innen, der festivaleigenen Redaktionen, vertiefen in ihren Beiträgen im Zuge des Festivals verhandelte Inhalte und geben Hintergrundinformationen, zu Themenschwerpunkten, Filmen und Kooperationen.